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19. August 2026 Digitales Lernen: IT-PLR Projekt „eGov-Zert“ abgeschlossen

Wie lassen sich Digitalkompetenzen im öffentlichen Dienst flächendeckend aufbauen? Und welche Rolle kann digitales Lernen dabei in der behördlichen Weiterbildung spielen? Mit diesen Fragen haben wir uns im Projekt eGov-Zert ein Jahr lang beschäftigt. Ausgangspunkt war die Anerkennung von Zertifikaten digitaler Lernangebote. Im Projektverlauf wurde jedoch deutlich: Ob die eigenverantwortliche Nutzung digitaler Lernangebote institutionalisiert wird, um systematisch zum Aufbau von Digitalkompetenzen beizutragen, entscheidet sich nicht primär an ihren Zertifikaten, sondern vor allem an den politischen, organisationalen und kulturellen Rahmenbedingungen des Lernens.

Von der Föderalen Digitalstrategie zum Umsetzungsprojekt

Die Föderale Digitalstrategie des IT-Planungsrats wurde schrittweise ab November 2023 entwickelt. Auf eine gemeinsame Dachstrategie folgten Schwerpunktthemen mit eigenen Zielbildern. Im Juni 2025 beschloss der IT-Planungsrat dazu konkrete Umsetzungsvorhaben. Eines davon war eGov-Zert. Das vom Ministerium für Infrastruktur und Digitales (MID) des Landes Sachsen-Anhalt verantwortete Projekt gehört zum Schwerpunktthema „Digitale Transformation“. Es zahlt auf das Ziel ein, die digitalen Fähigkeiten der Beschäftigten von Bund, Ländern und Kommunen bis Ende 2028 flächendeckend zu verbessern. Das SHI setzte das Projekt von Juli 2025 bis Juni 2026 um und verband dabei zwei Perspektiven: Digitalkompetenzen als Ziel und digitales Selbstlernen als Weg dorthin.

Entstehung der Forschungsfrage: „Auf den Schultern von Riesen“

Zum Zeitpunkt des Projektstarts beschäftigte sich das SHI bereits seit Jahren mit digitaler Weiterbildung im öffentlichen Dienst – unter anderem in den Projekten „Kompetenzturbo Digitalisierung“ und „eGov-Campus-Broker“. Dabei zeigte sich ein wiederkehrendes Muster: Hochwertige digitale Lernangebote waren vorhanden, wurden aber kaum systematisch in die behördliche Fortbildung integriert. Der eGov-Campus stellt beispielsweise seit 2021 kostenfreie Selbstlernangebote zu E-Government und Verwaltungsinformatik bereit. Genutzt wurden sie jedoch vor allem von intrinsisch motivierten Einzelpersonen – häufig in deren Freizeit. Es stellte sich daher die Frage nach der institutionellen Anerkennung: Welche Anforderungen müssen digitale Selbstlernangebote erfüllen, damit ihre Zertifikate in der behördlichen Weiterbildung anerkannt werden?

Zu diesem Zeitpunkt war bereits bekannt, dass berufliche Handlungsfähigkeit in der digitalen Transformation weit mehr erfordert als technisches Anwendungswissen. Beschäftigte im öffentlichen Dienst müssen Daten und Technologien aufgabenbezogen nutzen, Prozesse weiterentwickeln, Probleme lösen und Veränderungen mitgestalten. Das ebenfalls vom IT-Planungsrat finanzierte Projekt „Qualifica Digitalis“ hatte bereits eine Übersicht über diese benötigten Kompetenzen geschaffen und konkrete Empfehlungen zu ihrer Entwicklung formuliert: Lernkultur strategisch verankern, kompetenzorientierte Rollenbeschreibungen entwickeln, Personalentwicklung proaktiv gestalten und Lernleistungen stärker anerkennen. Die Umsetzung wurde nicht weiterverfolgt. Dabei bleiben operative Fragen offen: Wie werden abstrakte Kompetenzsystematiken in konkrete Lernbedarfe übersetzt? Wie entscheiden Behörden über entsprechende Angebote zu deren Vermittlung? Unter welchen Bedingungen kann digitales Selbstlernen im Arbeitsalltag gelingen?

Was wir in einem Jahr untersucht haben

Um diese Fragen zu beantworten, setzte das SHI auf seine Stärke: Interdisziplinäre Forschung. So wurden Perspektiven der Wirtschaftsinformatik, Bildungsforschung und Betriebspädagogik, Arbeits- und Organisationssoziologie sowie Public Management und Recht zu digitalem Lernen zu einem gemeinsamen verwaltungswissenschaftlichen Ansatz amalgamiert. Unterstützt wurden wir dabei vom Lehrstuhl für Wirtschaftspädagogik – Technologie-basiertes Instruktionsdesign der Universität Mannheim. In einem anwendungsorientierten Mixed-Methods-Ansatz kombinierten wir Interviews mit Expertinnen und Experten, Online-Fragebögen und Workshops. Wir erhoben Weiterbildungsprozesse in Modellbehörden auf Bundes-, Landes- und Kommunalebene und testeten den Einsatz unseres Anerkennungskonzepts im Rahmen einer Pilotierung in einer Partnerbehörde. Dabei ging es uns nicht nur darum, Hürden und Defizite zu beschreiben. Gemeinsam mit den für den Digitalkompetenzen bzw. digitales Lernen zuständigen Praktikerinnen und Praktikern aus Personalentwicklungs-, Weiterbildungs- und Digitalisierungsbereichen wollten wir verstehen, wie Lernangebote ausgewählt, eingeführt, administriert und anerkannt werden – und daraus etwas entwickeln, das den Verwaltungsorganisationen landauf und -ab tatsächlich hilft.

Ablauf des Projekts sowie methodische Vorgehensweise

Was wir gelernt haben: Anerkennung als Institutionalisierung

Unsere zentrale Erkenntnis: Einer institutionellen Nutzung von Online-Lernen der Art wie es der eGov-Campus anbietetstehen nicht ‚falsche‘ Zertifikate im Weg, sondern institutionelle Rahmenbedingungen: Erstens fehlt häufig ein klares Zielbild. Wer braucht für welche Aufgaben und Rollen welche Digitalkompetenzen? So bleiben Lernangebote, Zertifikate und Anforderungsprofile inhaltlich unverbunden. Zweitens wird individuelles Lernen zu selten mit Personalentwicklung, Führung und Organisationsentwicklung verknüpft. Es bleibt unklar, wer für die Erfüllung der organisationalen Kompetenzbedarfe verantwortlich ist. Für eine flächendeckende Nutzung digitaler Lernangebote fehlen verbindliche Lernzeiten und -anreize. Aus dem Lernen einzelner Beschäftigter entsteht so noch keine lernende Verwaltung. Drittens treffen digitale Selbstlernangebote auf Fortbildungsprozesse, die weiterhin stark an zeitlich begrenztenPräsenzveranstaltungen ausgerichtet sind. Technische Systeme, Genehmigungswege und die Administration von Weiterbildungsteilnahmen passen häufig nicht zum Modus des selbstgesteuerten Lernens.

Was wir gelernt haben: Anerkennung hat viele Gesichter

Im Projekt haben wir daher ein Anerkennungskonzept entwickelt. Dieses unterscheidet drei Formen der Anerkennung, zwei Referenzprozesse für die Integration und Administration von Lernangeboten sowie konkrete Anforderungen an digitale Selbstlernangebote und ihre Anbieter. Für die Praxis entscheidend erscheinen jedoch die drei Anerkennungsstufen: Symbolische Anerkennung bedeutet, dass Lernen akzeptiert oder gar wertgeschätzt wird. Hier geht es um Anerkennung im persönlichen Einzelfall. Organisationale Anerkennung meint die Integration eines Angebots in organisationsspezifische Fortbildungskataloge, Arbeitszeitregelungen und Dokumentationsprozesse. Hier geht es um organisationsspezifische Anerkennung. Karriererelevante Anerkennung verbindet nachgewiesene Lernergebnisse mit Personalgesprächen, Beurteilungen oder beruflicher Entwicklung. Hier geht es um die organisationsübergreifende Anerkennung z. B. in Bezug auf konkrete Rollen oder Karrierepfaden. Unsere Feststellung: Je höher der angestrebte „Anerkennungsgrad“ – also je stärker der angestrebte Grad der Institutionalisierung –, desto höher die Anforderungen an Lernangebote und Zertifikate aber auch an Behörden und rechtliche Rahmenbedingungen.

Bereiche der Anerkennungskonzeption

Ausblick: Kompetenzentwicklung organisational verankern

Das Projekt hat die Diskussionsstränge um Zukunfts- und Digitalkompetenzen, Corporate Learning, Personalentwicklung und organisationales Lernen verbunden. Damit dieser Berg an gewonnenen Erfahrungen und Erkenntnissen nicht ungenutzt bleibt, geht unsere Arbeit natürlich weiter. Die Ergebnisse kommunizieren wir nicht nur über die Abschlussstudie, sondern bringen diese mit unterschiedlicher Schwerpunktsetzung auch in Fach- und Zeitungsartikel, verwaltungspraktische Veranstaltungen und wissenschaftliche Tagungen in unterschiedliche Debatten ein.

Wir haben gemerkt, hochwertige Lernangebote sind wichtig – sie sind jedoch allein kein Garant für den systematischen Aufbau von Digitalkompetenzen. Denn sie stoßen an ihre Grenzen, wenn Personalentwicklung strategisch zurückbleibt. Digitale Selbstlernangebote können den Kompetenzaufbau im öffentlichen Dienst skalierbar und flexibel unterstützen. Sie entfalten ihr Potenzial aber erst, wenn Behörden wissen, welche Kompetenzen sie in welchem Umfang benötigen, wenn sie Lernzeit ermöglichen und individuelle Entwicklung systematisch mit organisationalen Zielen verbinden. Die entscheidende Frage lautet daher nicht nur, ob ein Online-Kurs ein Zertifikat ausstellt. Entscheidend ist, ob die Organisation das Lernen aufgreift, anerkennt und für ihre eigene Handlungsfähigkeit nutzt.

Dafür haben wir Empfehlungen für Politik, Behörden, Personalentwicklung, Führungskräfte und den eGov-Campusabgeleitet. Denn unser Beitrag sollte über eine Fallstudie hinaus empirische Einblicke zur bislang wenig untersuchtenbehördlichen Weiterbildungspraxis produzieren. Wenn das Ziel ‚Aufbau von Digitalkompetenzen‘ ernst gemeint ist, braucht mehr als die Erwähnung in Strategiedokumenten – es braucht eine echte Auseinandersetzung damit, wie im öffentlichen Dienst Personal und Kompetenzen entwickelt werden – über Ausbildung und Studium hinaus.

Wir bleiben dran – Sie auch?

Konkret wollen wir uns daher in zukünftigen Projekten dem Aufbau strategischen Kompetenzmanagements widmen. Wenn Sie Interesse haben daran mitzuwirken bzw. in Ihrer Behörde ein strategisches Kompetenzmanagement aufzubauen, melde sich gerne bei uns. Wir freuen uns über Mitstreiter und Mitstreiterinnen!

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Ayleen Siegemund

Ein Beitrag von

Ayleen Siegemund

Wissenschaftliche Mitarbeiterin

Ayleens Steckenpferd sind die wissenschaftliche Begleitforschung und das Themengebiet Personal und Kompetenzen. Als Mitglied des Sprecher:innenkreises des AK "Kompetenzen & Lernen" am NEGZ treibt sie das Thema voran. Als Mitglied des Lesekreises "Klassiker der Verwaltungsinformatik" schreckt sie auch vor umfangreicher Lektüre nicht zurück.