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12. Mai 2026 Wirkung statt Aktionismus: Staatsmodernisierung neu denken

Ein Beitrag von Stefanie Köhl

Am 7. und 8. Mai 2026 kamen beim eGovernment Summit auf Schloss Neuhardenberg führende Köpfe aus Verwaltung, Politik, Wissenschaft und Wirtschaft zusammen, um sich intensiv über Möglichkeiten der Staatsmodernisierung auszutauschen. Das Motto: „Agenda 2027: Verwaltungsdigitalisierung mit Reformgeist“.

Für mich war es das erste Mal in diesem hochkarätigen Kreis — und es war eine besondere Ehre, dort ein Thema zu platzieren, das mir fachlich und persönlich sehr am Herzen liegt: die Frage nach Wirkung.

Denn im Kern geht es nicht um einen digitalen Staat. Digitalisierung ist nur ein Mittel. Es geht um einen Staat, der demokratische Werte stützt, verlässlich handelt und leistungsfähig bleibt. Es geht um eine Verwaltung als Maschinenraum, die genau diese Art von Staat möglich macht.

Schloss Neuhardenberg
Foto: Werbefotografie Emme

Staatsmodernisierung mit Reformgeist: Warum Neuhardenberg mehr war als ein Veranstaltungsort

Schloss Neuhardenberg ist kein neutraler Konferenzort. Für ein Institut, das den Namen Stein-Hardenberg trägt, ist dieser Ort ein historischer Resonanzraum. Reform war hier nicht nur Kulisse, sondern Auftrag: Richtung geben, Verantwortung übernehmen, Veränderung möglich machen.

Genau deshalb passte dieser Ort so gut zur zentralen Frage meines Impulses: Haben wir aktuell mehr Klarheit über unsere Maßnahmen — oder über die Wirkung, die wir damit erreichen wollen?

Die Atmosphäre war offen, konzentriert und vertrauensvoll. Das lag auch daran, dass die Gespräche unter Chatham House Rules stattfanden. Einzelne Beiträge, Positionen und konkrete Aussagen bleiben deshalb im Raum. Was sich aber sagen lässt: Das Programm war dicht, intensiv und anstrengend im besten Sinne. Es wurde nicht nur über digitale Vorhaben gesprochen, sondern über die Frage, was ein moderner Staat leisten muss, um handlungsfähig und glaubwürdig zu bleiben.

Wirkung statt Maßnahmenlogik

In meinem Impuls ging es um eine unbequeme These: Wir sind in einzelnen Vorhaben oft erfolgreicher als in der Transformation insgesamt.

Nicht, weil zu wenig passiert. Im Gegenteil. Es gibt Programme, Strategien, Plattformen, Gesetze, Apps, Pilotprojekte und Gremien. Aber zwischen all diesen Aktivitäten entsteht nicht automatisch eine gemeinsame Richtung.

Maßnahmen sind beruhigend. Sie lassen sich beschließen, finanzieren, terminieren und berichten. Wirkung ist unbequemer. Wirkung fragt: Für wen soll sich konkret etwas verbessern? Welche Belastung sinkt? Welche Bearbeitung wird schneller? Welche Entscheidung wird einfacher? Welche Qualität steigt? Und was wird bewusst nicht getan, weil es auf diese Wirkung nicht einzahlt?

Das ist der eigentliche Maßstab. Nicht: Ist ein Antrag online? Sondern: Wird staatliches Handeln dadurch wirklich einfacher, verlässlicher und wirksamer?

Der Moonshot als Mindestanspruch

In den Gesprächen vor Ort tauchte immer wieder die Frage auf, ob wir groß genug denken. Nicht im Sinne großer Ankündigungen, sondern im Sinne einer Zielsetzung, die stark genug ist, um Orientierung und auch Motivation zu geben.

Das Bild des „Moonshots“ passt hier gut. Ein Moonshot ist mehr als ein ambitioniertes Projekt. Er steht für ein Ziel, das groß genug ist, um Kräfte zu bündeln, Prioritäten zu ordnen und Entscheidungen zu erzwingen.

Fotos: Werbefotografie Emme

Tempo braucht Richtung

Der Ruf nach mehr Tempo ist berechtigt. Verwaltung, Politik, Unternehmen und Bürger:innen können nicht endlos auf perfekte Konzepte warten. „Einfach mal machen“ ist deshalb ein wichtiger Impuls gegen Stillstand.

Aber genau hier beginnt das Spannungsfeld.

„Einfach machen“ darf nicht zur Ausweichbewegung werden. Denn dann umgehen wir die schwierige Frage nach Prioritäten, Zielkonflikten und Nachweisen. Dann ist Geschwindigkeit plötzlich ein Ersatz für Richtung. Und Aktivität wird mit Fortschritt verwechselt.

Wenn alle einfach machen, ohne dass Wirkung, Standards und Anschlussfähigkeit geklärt sind, entstehen schnell Lösungen, die später nicht zusammenpassen.

Lernen muss steuerungsrelevant werden

Unser Problem ist nicht, dass wir nichts wissen. Unser Problem ist, dass Lernen zu selten steuerungsrelevant wird. Wir prüfen, evaluieren, berichten — aber zu selten verändert das wirklich Entscheidungen, Prioritäten, Budgets, Zuständigkeiten oder mündet in Rechtsänderungen.

Und auch hier ist Wirkung wieder der vermeintliche Spielverderber. Denn sie ist selten eindeutig kausal. Nicht jede Maßnahme führt automatisch zur gewünschten Wirkung. Manchmal bleibt Wirkung aus. Manchmal entstehen Nebenwirkungen. Manchmal ist der Input gut, aber die Wirkung trotzdem schwach.

Genau deshalb braucht Wirkung ständige Überprüfung.

Nicht erst am Ende sollte gefragt werden, ob etwas erfolgreich war. Wirkung muss früher in die Steuerung zurück: in Rechtsetzung, Finanzierung, Organisation, Priorisierung und Umsetzung. Sie darf kein Berichtskapitel bleiben. Sie muss zur Entscheidungsgrundlage werden.

Fotos: Werbefotografie Emme

Staatsmodernisierung als föderales Kooperationsproblem

Ich habe in vielen Projekten das föderale Dilemma erlebt. Eine Kommune wartet nicht aus Bequemlichkeit. Sie wartet, weil sie nicht weiß, welcher Standard demnächst kommt. Und sie handelt nicht aus Ungeduld. Sie handelt, weil ihr das Wasser bis zum Hals steht.

Aber wenn später eine EfA-Lösung kommt oder ein neuer Standard beschlossen wird, kann aus frühem Handeln plötzlich Nacharbeit werden.

Wer wartet, wird zum Bremser. Wer früh handelt, wird später zum Migrationsfall.

Vielleicht ist die Modernisierung des Staates in Deutschland deshalb weniger ein Technologie- als ein Kooperationsproblem. Wir haben genug Gremien. Wir haben Strategien. Wir haben Bund-Länder-Strukturen. Und inzwischen sogar ein ganzes Ministerium.

Aber: Kooperation ist noch keine Steuerung. Ein Beschluss setzt sich nicht automatisch um. Eine Strategie erzeugt noch keine Wirkung.

Das ist keine Kritik an denen, die handeln. Im Gegenteil. Es zeigt, wie schwierig die Lage ist. Kommunen, Länder und Bund bewegen sich in einem System, das gleichzeitig Tempo, Abstimmung, Anschlussfähigkeit und Rechtssicherheit verlangt. Genau deshalb braucht es nicht nur mehr Energie, sondern mehr Richtung.

Deutschland-Stack: Testfall für einen lernenden Staat

Der Deutschland-Stack ist vor diesem Hintergrund nicht irgendein IT-Projekt. Er ist ein Testfall dafür, ob der föderale Staat aus der Vergangenheit lernt.

Der Ansatz ist richtig, weil er nicht bei der nächsten Oberfläche beginnt, sondern beim Fundament: Identität, Vertrauen, Datenaustausch, Datenabruf, Zahlung, Postfach und gemeinsame Standards.

Aber der Deutschland-Stack darf nicht einfach nur die nächste Maßnahme werden. Er muss die Grundlage dafür sein, dass Maßnahmen zusammenwirken können.

Entscheidend wird deshalb sein, ob daraus echte Anschlussfähigkeit entsteht: für Bund, Länder, Kommunen und die Menschen, die Verwaltung täglich umsetzen.

Round Table: Bleibt Transformation ohne Wirkung Zufall?

Der auf dem Impuls aufbauende Round Table griff diese Spannung auf: „Einfach mal machen! Bleibt Transformation ohne Wirkung am Ende Zufall?“ Gemeinsam mit Jana Janze und Andreas Steffen entstand ein Raum, in dem nicht fertige Antworten im Vordergrund standen, sondern die gemeinsame Arbeit an besseren Fragen.

Die Diskussion folgte drei Perspektiven: Kritiker, Träumer, Realist. Zuerst ging es darum, wo Wirkung verloren geht. Dann darum, wie Transformation wirklich wirksam wäre. Und schließlich um die Frage, was konkret anders gemacht werden müsste.

Ohne einzelne Beiträge offenzulegen, lässt sich sagen: Viele der Diskussionen kreisten um denselben Kern. Wirkung entsteht nicht allein durch Mut zum Handeln. Sie entsteht auch nicht allein durch noch mehr Planung. Sie entsteht dort, wo Richtung, Verantwortung und Umsetzung zusammenkommen.

Gerade diese Struktur war hilfreich. Denn Wirkung bleibt oft abstrakt, solange nicht nach Entscheidungen gefragt wird. Was heißt das konkret? Welche Priorität folgt daraus? Welche Maßnahme müsste gestoppt, verändert oder anders finanziert werden? Welche Verantwortung ist gemeint — und nicht nur welche Zuständigkeit?

Fotos: Werbefotografie Emme

Wirkung als Steuerungsfrage

Der zentrale Gedanke aus Neuhardenberg bleibt für mich: Wirkung ist kein schönes Zusatzkapitel am Ende einer Strategie. Wirkung muss zur Steuerungsgröße werden.

Das bedeutet: Jede größere Maßnahme braucht ein Wirkungsversprechen. Nicht nur: Was bauen wir? Sondern: Welche Entlastung entsteht? Für wen? Bis wann? Woran wird sie gemessen? Und woran wäre ehrlich erkennbar, dass eine Maßnahme nicht wirkt?

Es bedeutet auch: Nicht jede neue Oberfläche ist Fortschritt. Keine neue Plattform ohne Betriebsmodell. Keine neue Strategie ohne Entscheidungskraft. Keine Evaluation, die folgenlos bleibt.

Vielleicht ist die entscheidende Frage der nächsten Phase nicht: Was können wir noch alles tun?

Sondern: Was sind wir bereit nicht zu tun, weil es nicht auf gemeinsame Wirkung einzahlt?

Mehr Richtung für einen handlungsfähigen Staat

Der eGovernment Summit 2026 war für mich ein besonderer Ort, ein anspruchsvolles Programm und ein ermutigender Austausch mit Menschen, die die Geschicke unseres Landes in Fragen der Staatsmodernisierung mitprägen. Gerade weil die Gespräche offen und vertraulich waren, bleibt nicht der einzelne Satz in Erinnerung, sondern die Energie des Raums.

Diese Energie braucht Richtung.

Nicht weniger Umsetzung. Sondern bessere Wirkungsbindung. Wir brauchen nicht mehr digitale Energie. Wir brauchen einen klareren Modernisierungsmodus.